Interview mit Bezugserzieher Hendrik Goyer

20.02.2016

int_hendrik_goyer_01Hendrik Goyer, früher Schornstein­feger, ist Bezugserzieher an der Schule am Faulen See. Er sprach mit Christina Cassim.

In der elften Klasse lief es für mich in der Schule nicht besonders gut. Ich wohnte damals schon allein und hatte mehr Lust auf Musik, Sport und meine Freundin. Ich brauchte irgendwie eine Struktur, die mich fester einbinden würde, eine Arbeit, bei der ich draußen an der frischen Luft sein und Geld verdienen konnte.

Ich war während dieser beruflichen Suche oft bei meinen Großeltern und da kam auch mal ein Schornsteinfeger vorbei. Der wirkte überaus gut gelaunt und hatte anscheinend Spaß an seiner Arbeit. Ich fragte ihn ein bisschen aus und beschloss, mich um einen Ausbildungsplatz zu bewerben. Ich schrieb genau eine Bewerbung und wurde gleich genommen.

Mein Chef war zwar ein ziemlicher Choleriker, aber auch ein netter, praktischer Mensch. In seinem Zwei-Mann-Betrieb in Bad Harzburg war ich der dritte Mitarbeiter. Am Anfang war es richtig hart und ich hatte zugegebenermaßen ganz schön Schiss. Man hat ja keine Sicherung, wenn man da durch die Dachfenster auf ein marodes Kirchendach klettert – der Ziegel knirscht unter den Schritten und es geht steil abwärts. Nach einer Weile gewöhnt man sich daran.

Später war es richtig gut, da habe ich die Aufträge komplett alleine erledigt. Meinen Chef habe ich fast nur morgens gesehen, wenn er mir eine Liste mit den 25 Häusern übergeben hat, die ich an dem Tag fegen und messen sollte. Mit Fahrrad und Leiter war ich dann bis mittags unterwegs. Unser Einsatzbereich lag in Bad Harzburg und Wolfenbüttel, überwiegend Privathäuser. Da hatte man immer ein tolles Panorama von den Dächern aus – allerdings gab es auch viele alte, morsche Ziegel. Beim Heizen mit Kohle, Koks oder Öl lagert sich an der Innenwandung des Schornsteins Ruß ab, der sich entzünden kann. Dieser wird mit einer Kehreinlage abgekratzt, einer Art Stern aus Metall, damit kein Schornsteinbrand entsteht, der das Dach entflammen könnte. Gerade in so einer ländlichen Region genießt der Schornsteinfeger daher auch heute noch den Ruf eines Brand- und Umweltschützers.

Obwohl man in der Regel allein arbeitet, war es überhaupt nicht einsam. Man geht ja zu den Leuten in die Wohnung, lernt unterschiedliche Menschen kennen und wird jeden Tag von einer anderen Omi oder einem Opi zum Mittagessen eingeladen. Es gab also auch viel Kontakt und Menschlichkeit bei der Arbeit. Bis 2012 galt in Deutschland noch das Kehrmonopol – die zuständigen Schornsteinfeger wurden vom jeweiligen Amt festgelegt. Sie standen daher nicht miteinander in Konkurrenz, sondern waren eher eine Riesenclique. Es war ein krisensicherer Beruf und man hat richtig viel Geld verdient: Inklusive Sonderleistungen wie Kesselreinigung bekam man als Geselle 3.000,- bis 4.000,- DM ausgezahlt. Ich hatte eigentlich immer mehr Geld, als ich ausgeben konnte.

Aber dann bin ich vom Dach gefallen. Es war im Winter, ein Freitag kurz vor Feierabend, und es lag Schnee auf dem Dach, der darunter vereist war. Ich bin fünf Meter runter auf den Steinboden gefallen. Ein paar Monate lag ich im Krankenhaus und war arbeitsunfähig. Danach hatte ich immer Angst. Und dadurch wird man langsamer. Statt wie vorher von 7:00 bis 13:00 Uhr zu arbeiten war ich oft erst gegen 16:00 Uhr fertig. Mein Chef meinte, nach einem Unfall würden die meisten nie wieder auf das ehemalige Level kommen. Das hat mich frustriert.

Ich machte also mein Abitur nach und begann ein Lehramtsstudium für die gymnasiale Oberstufe. Weil ich keinerlei finanzielle Unterstützung bekam, musste ich dauernd nebenbei zwei Jobs machen, so dass alles viel länger gedauert hat und das Grundstudium erst nach drei Jahren fertig war. Schließlich gab ich auf und entschied mich für die Ausbildung zum Erzieher.

Das Lehramtsstudium hat mir dabei nicht viel genützt, das war eher ein Fachstudium. Über Didaktik und Pädagogik hat man nichts gelernt. Weil ich in einem Gymnasium in Rostock schon eine neunte und elfte Klasse unterrichtet hatte, hat man mir immerhin das Praktikum erlassen. Obwohl die Arbeit dort überhaupt nicht zu vergleichen war mit der Arbeit eines Erziehers. Am Gymnasium unterrichtete ich Philosophie und Deutsch in der Klasse eines Hochbegabten-Zweigs. Die Kinder dort waren total kultiviert, superschlau, leise und stellten hochinteressante Fragen. Ich brauchte oft den ganzen Nachmittag, um mich auf 90 Minuten Philosophieunterricht vorzubereiten. Da war man also eher fachlich gefordert und fast schon in der Rolle eines „Professors“, was natürlich auch extrem anstrengend war.

Als Typ bin ich, glaube ich, generell körperlich belastbar und meistens guter Laune, so dass ich nicht gleich aufgebe, selbst wenn ich viel Arbeit aufgeladen bekomme. Dass mein erster Beruf in meine jetzige Arbeit einfließt, kann man nicht sagen, höchstens in dem Sinne, dass Zeit verstrichen ist und er mir für mein Leben was gebracht hat. Natürlich tritt man z.  B. gegenüber Eltern sicherer auf, wenn man schon mal Konfliktgespräche mit Kunden geführt hat, und durch das Unterrichten fiel es mir sicher anfangs leichter, als Erzieher den Klassen gegenüberzutreten.

Wäre ich nicht vom Dach gefallen, wäre ich vermutlich immer noch Schornsteinfeger und hätte inzwischen meinen Meister gemacht. Aber so, wie es gekommen ist, bin ich auch zufrieden. Mein Handwerksstück ist jetzt der lebendige Mensch, insbesondere das Kind, das über eigentlich längst Bekanntes noch staunen kann. Dies mitzuerleben ist schön.

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