Interview mit Sonja Pfennig, Leiterin des Ganztags an der 34. Grundschule

23.02.2016

Sonja Pfennig, früher Floristin, leitet heute den Ganztag an der 34. Grundschule. Sie sprach mit Christina Cassim.

int_sonja_pfennig_04„Nach dem Abitur zog es mich in die künstlerisch-gestalterische Richtung. In einem guten, kreativen Blumenladen in der Husemannstraße am Prenzlauer Berg habe ich dann eine dreijährige Ausbildung zur Floristin gemacht. Den Beruf habe ich sehr geliebt – die Formen und Farben der Blüten, das Zusammenspiel der unendlichen Kombinationsmöglichkeiten. Ich genoss den gestalterischen Freiraum, das Vertrauen und die positive Resonanz der Kunden.

Dieser Blumenladen wurde dann leider aufgegeben und ich arbeitete noch einige Jahre in anderen Läden. Dann wurde ich mit meinem ersten Kind schwanger und beschloss gleichzeitig, mich mit einem besonderen Konzept selbstständig zu machen: Mein Laden sollte schwerpunktmäßig haltbare Floristik anbieten, also Arrangements aus einer Mischung von natürlichen und künstlichen Blumen, sowohl zum Verkauf, als auch zur Vermietung. Zusätzlich konnte man bei mir Kurse besuchen. Die Schwangerschaft und die Elternzeit nutzte ich für die Vorbereitungen: Ich arbeitete das Konzept aus, belegte ein Existenzgründerseminar und beantragte die Gelder für den Firmenstart.

Mein Mann unterstütze mich sehr, anders wäre es in der Existenzgründungsphase gar nicht gegangen. Meine Kunden waren in erster Linie Läden, Praxen und Büros, die regelmäßig Blumenschmuck mit haltbaren Elementen bestellten bzw. Abonnements buchten. Es gibt ja neben den gängigen, meist unbeliebten Plastikblumen auch sehr hochwertige Kunstblumen, die täuschend echt aussehen. In Kombination mit natürlichen, unvergänglichen Materialien, wie zum Beispiel Trockenblumen, -gräsern oder Zweigen, kann das sehr reizvoll sein. Eine große Auswahl dieser Materialien hatte ich zudem im Verkauf und bot außerhalb des Ladens Kurse zum Basteln, Gestalten und Dekorieren an. Ergänzend wurde ich für Workshops in der Berufsvorbereitung und an Schulen und Schülerläden gebucht. Mit der Zeit verlagerte sich meine Tätigkeit immer mehr auf dieses Kursangebot. Das hatte auch damit zu tun, dass ich ziemliches Pech hatte: Von Beginn der Ladenöffnung an wurde in der Straße gebaut; sie war deswegen einseitig gesperrt, die Laufkundschaft blieb aus und die Einnahmen entwickelten sich nicht so, wie erwartet.

int_sonja_pfennig_02Während dieser Zeit gab ich an einer Schule einen Kochkurs und damit fing alles an. Maria Pfennig machte mir das Angebot, als Erzieherin in das neu entstehende Projekt an der 34. Grundschule einzusteigen und berufsbegleitend den Kurs zur Nichtschülerprüfung zu belegen. Die Entscheidung ist mir nicht leicht gefallen. Ich hing mit ganzem Herzblut an meinem Laden, in den ich alle Leidenschaft und Energie hineingesteckt hatte. Aber nach zwei Jahren waren meine Rücklagen nahezu verbraucht. Dazu kamen die Arbeitszeiten als Selbstständige in einem Blumenladen: 50 Stunden in der Woche plus Überstunden an Wochenenden und Feiertagen sind für eine Familie mit kleinem Kind nicht leicht zu stemmen. Das Angebot war eine Chance und ich sagte zu. Die Möglichkeit der verkürzten berufsbegleitenden Ausbildung wird von den Fachschulen oft nicht sehr geschätzt und die Prüfung ist entsprechend hart. Zu meiner Nichtschülerprüfung am OSZ Sozialwesen in der Straßmannstraße gab es 35 Anmeldungen, bestanden haben nur fünf, darunter glücklicherweise ich. Bis heute wundere ich mich, wie ich das geschafft habe! Mein Mann hat mich auch darin sehr unterstützt und mir zu Hause den Rücken frei gehalten.

Die 34. Grundschule war damals noch komplett im Aufbau. Das Gebäude in der Scharnweberstraße hatte zehn Jahre lang leer gestanden. Wir starteten in einem frisch sanierten Gebäudeteil mit drei LehrerInnen, drei ErzieherInnen und 34 Kindern. Um uns herum war noch alles Baustelle, der Sportunterricht fand anfangs auf den Fluren statt. Wir mussten viel improvisieren, uns alles zusammen erarbeiten und sind dabei als Team von Jahr zu Jahr enorm zusammengewachsen. In jeder Klasse waren nur 17 Kinder und man war immer zu zweit in den Klassen. Obwohl ich eigentlich eher ein ängstlicher Mensch bin, wurde es mir in diesem Umfeld trotz meiner beruflichen Unerfahrenheit nicht schwer gemacht, gleich als Bezugserzieherin Verantwortung zu übernehmen. Besonders von einer tollen Lehrerin habe ich enorm viel gelernt – heute ist sie Konrektorin der Schule.

Nachdem ich den Blumenladen aufgegeben habe, war mit der Floristik Schluss. Für mich war es wichtig, einen richtigen Cut zu machen. Allerdings habe ich viele Materialien aus dem Laden in die Schule geschleppt und arbeite in meiner AG „Kinderkunst“ immer noch häufig mit Naturmaterialien. Auf die Arbeit als Erzieherin lassen sich aber grundlegende ästhetische Erfahrungen übertragen, zum Beispiel bei der Gestaltung von Räumen: Nichts ist schlimmer, als wenn alles „vollgeballert“ ist. Mit Farbkombinationen und der Gruppierung von Dekorationselementen kann man Ruhe schaffen und den Raum so strukturieren, dass er für die Kinder selbsterklärend ist. Je klarer beispielsweise ein Gruppenraum gestaltet ist, desto mehr Orientierung gibt er: In dieser Ecke wird nur gebaut, in jener nur gelesen. Kinder brauchen diese Strukturen, damit sie sich zurechtfinden; das gibt eine große Sicherheit im Alltag und im Spiel.

Als später keine geeignete externe BewerberIn gefunden werden konnte, übertrug man mir die Leitung des Ganztags. Nach einer Pause wegen meines zweiten Kindes haben wir die Leitung als Doppelspitze besetzt: Yvonne Metsch als pädagogische Leitung und ich als administrative Leiterin. Als eher strukturiertem „Planungsmenschen“ kommt mir diese Aufgabenteilung sehr entgegen. Hier kommen mir auch die Erfahrungen aus der Selbstständigkeit zugute: ein Grundverständnis für Abrechnungen, Einkauf und Kasse, das Arbeiten mit Listen für die Einsatzplanung und dergleichen. Dieses stärkenorientierte Modell bewährt sich sehr und wird inzwischen auch von anderen SOCIUS-Teams übernommen.

int_sonja_pfennig_01Inzwischen gibt es an der 34. Grundschule etwa 300 SchülerInnen, 26 LehrerInnen und 18 ErzieherInnen inklusive SchulhelferInnen. Unser Vorteil ist die wirklich tolle, wertschätzende Zusammenarbeit mit der Schulleitung, die enge Kooperation von Konrektorin und pädagogischer und administrativer Leitung des Ganztags, Tür an Tür mit der Schulleiterin. Ganz wichtig ist die Kombination des Teams aus LehrerIn und ErzieherIn: wenn das nicht gut harmoniert, dann schwappt es auf die Kinder über. Das Schulklima empfinde ich aber insgesamt als sehr positiv. Zurzeit läuft dazu auch eine Befragung, bei der SchülerInnen und Eltern eingeladen sind, sich zu äußern.

In diesem Jahr werden wir die ersten Kinder nach der sechsten Klasse von der 34. Grundschule verabschieden. Kindern in ihrer ersten Schullaufbahn beigestanden und das Beste aus ihnen herausgeholt zu haben, ist schon mal ein gutes Gefühl. Die Kinder geben einem ja ganz viel, oft mehr, als Erwachsene das können. Manch einer versteht das vielleicht erst auf Umwegen, aber für diesen Beruf muss man, bewusst oder unbewusst, schon ein Stück weit eine Neigung im Herzen haben, die einen dahin bringt, Kinder zu begleiten und auf den Weg zu bringen.“

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